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Gierflation, Scheingewinne und verdeckter Substanzverlust: Kalkulation bei Inflation (05/2024)

Prof. Dr. Barbara E. Weißenberger

Executive Summary

Bei hoher Inflation wird beobachtet, dass Stückgewinne stärker ansteigen als die Lohnstückkosten. Dies suggeriert auf den ersten Blick, dass Unternehmen ihre Preise über die gestiegenen Faktorkosten hinaus erhöhen und damit Inflation auch zur realen Steigerung ihrer Gewinne nutzen. Das muss aber nicht der Fall sein. Denn gerade bei anlagenintensiver Produktion müssen bei Inflation in der Preiskalkulation die Abschreibungen auf Basis der gestiegenen Tageswerte angesetzt werden, um Substanzerhaltung zu gewährleisten bzw. teurere Ersatzinvestitionen sicherzustellen. Deshalb dürfen die auf diese Weise gegenüber einer anschaffungskostenbasierten Kalkulation erhöhten Gewinne auch nicht ausgeschüttet werden, sondern müssen, sofern Ersatzinvestitionen nicht zeitnah vorgenommen werden, in eine Gewinnrücklage im Sinne einer Substanzerhaltungsrücklage eingestellt werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das ursprünglich eingelegte Eigenkapital real ausgezehrt wird und die produktive Unternehmenssubstanz nicht erhalten bleibt.

Nach Jahren verschwindend geringer Inflationsraten gab es in Deutschland im Jahr 2022 mit einem Durchschnittswert von 7,9% die größte Erhöhung der Verbraucherpreise seit der Wiedervereinigung. Auch in 2023 lag die vom Statistischen Bundesamt ausgewiesene Inflationsrate noch bei durchschnittlich 5,9%. Auch wenn sich insbesondere aufgrund zurückgehender Energiepreise die Inflation in den ersten Monaten des Jahres 2024 wieder deutlich auf Werte um rund 2-3% abschwächt, ist die Teuerung deutlich zu spüren und belastet insbesondere Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen. Wenn in dieser Situation Unternehmen mit Qualitätseinbußen bei Material oder Produktausstattung sparen (Skimpflation), Packungsgrößen bei gleichem Preis verkleinern (Shrinkflation), parallel aber hohe Gewinne ausweisen, verwundert es kaum, dass inzwischen der Begriff der Gewinn-Inflation oder „Gierflation“ im Raum steht. Jüngst wird diese Diskussion wieder von einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung befeuert. Dort wird für eine Reihe von Branchen wie Bau, produzierendes Gewerbe, Handel, Verkehr oder Gastgewerbe festgestellt, dass steigende Stückgewinne im Vergleich zu den ebenfalls wachsenden Lohnstückkosten bzw. Preisen für Vorleistungen überdurchschnittlich zu den beobachteten Preiserhöhungen beitragen.

Substanzverzehr durch Inflation

Diese Erklärung klingt auf den ersten Blick eingängig, und es ist tatsächlich auch nicht auszuschließen, dass Unternehmen unter dem Deckmantel hoher Inflationsraten die gestiegene Zahlungsbereitschaft ihrer Kunden zur Profitsteigerung ausnutzen. Allerdings versperrt dieser einfache Erklärungsansatz den Blick auf eine viel größere gesamtwirtschaftliche Gefahr in Zeiten der Inflation, nämlich den Ausweis von Scheingewinnen verbunden mit dem Verlust von Unternehmenssubstanz.

Der Ausweis hoher Profitabilität ist bei Inflation nämlich in realwirtschaftlicher Sicht irreführend, und der damit einhergehende schleichende Substanzverzehr von Vermögen und Eigenkapital schwächt in Wirklichkeit die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen: Es passiert also genau das Gegenteil von dem, was die scheinbar hohen Gewinne signalisieren.

Um diesen Widerspruch genauer zu verstehen, ist zunächst ein Blick in die Preiskalkulation von Unternehmen notwendig, die im einfachsten Fall auf Selbstkosten basiert. Diese werden ermittelt, indem bewertete Ressourcenverbräuche für Produktionsfaktoren wie Arbeit (Lohn- und Gehaltskosten), Rohstoffe oder bezogene Dienstleistungen (Material- bzw. Fremdleistungskosten), aber auch der Einsatz von Investitionsgütern in Form von Immobilien, technischen Anlagen, Patenten oder Software (Kapitalkosten) auf die hergestellten bzw. zum Verkauf stehenden Produkteinheiten verrechnet werden. Auf die so ermittelten Selbstkosten pro Stück wird eine prozentuale Gewinnmarge aufgeschlagen, die Steuern, Fremdkapitalzinsen und Unternehmensgewinne, aber auch nicht in der Herstellung zugerechneten Aufwand, wie beispielsweise Forschungs- oder Entsorgungskosten, abdeckt. Gelingt es, die auf Selbstkostenbasis kalkulierten Preise am Markt für die geplante Absatzmenge durchzusetzen, sind im Unternehmen alle Kosten gedeckt und der angestrebte Gewinn fällt in der ursprünglich geplanten Höhe an.

Dieser Mechanismus gerät allerdings aus dem Takt, sobald auf Beschaffungs- und Absatzmärkten hohe Inflationsraten beobachtet werden. Denn während Lohn-, Material- und Fremdleistungskosten unmittelbar ansteigen und damit höhere Preise rechtfertigen, die am Absatzmarkt auch durchgesetzt werden können, bleiben die Kapitalkosten, die den anteiligen Ressourcenverzehr der für die Produktion eingesetzten Investitionsgüter abbilden, zunächst konstant.

Sie werden nämlich über die Abschreibungen des abnutzbaren Anlagevermögens ermittelt, indem die Anschaffungsausgaben der Investitionsgüter auf die erwarteten Jahre ihrer Nutzung verteilt werden. Dieser Zeitraum kann gerade bei Immobilien, aber auch bei technischen Großanlagen, deutlich mehr als zehn Jahre umfassen. Besonders in den ersten Jahren einer Inflation ist deshalb zu erwarten, dass die Kapitalkosten von Unternehmen nicht oder nur geringfügig ansteigen, weil Inflationseffekte im Anlagevermögen erst dann sichtbar werden, wenn es in größerem Ausmaß zu teuren Ersatzbeschaffungen kommt.

Nun mag man die Auffassung vertreten, dass der relative Kostenvorteil aus den in der Vergangenheit noch günstig beschafften Produktionsanlagen den Endkunden zugutekommen soll. Mit anderen Worten: Die auf Selbstkostenbasis kalkulierten Preise sollten tatsächlich nur die auf Basis der ursprünglich gezahlten Anschaffungsausgaben berechneten Abschreibungen enthalten. Das allerdings steht im Widerspruch zu der Annahme, dass Unternehmen ja auf Dauer angelegte Wirtschaftsakteure sind und deshalb ihre Leistungsfähigkeit, d.h. auch die durch ihr Anlagevermögen repräsentierten Produktionskapazitäten, realwirtschaftlich erhalten müssen.

Das geschieht durch regelmäßige Ersatzinvestitionen: Der im Laufe eines Jahres verbrauchte Teil des Anlagevermögens wird durch Neubeschaffungen kompensiert bzw. im Fall von Wachstum sogar erweitert. Die notwendige Liquidität für diese Ersatzinvestitionen wird über die laufenden Umsatzerlöse erwirtschaftet, denn in Höhe der anteiligen Abschreibungen innerhalb der auf Selbstkostenbasis kalkulierten Preise steht den erwirtschafteten Umsätzen anders als bei Lohn- oder Materialkosten kein zeitnaher Abfluss an Zahlungsmitteln gegenüber.

Steigen nun in Zeiten hoher Inflation die Preise auch für Investitionsgüter, können Ersatzinvestitionen auf diese Weise allerdings nicht mehr in vollem Umfang aus dem Umsatz heraus finanziert werden. Wenn keine anderen Finanzierungsquellen zur Verfügung stehen, führt dies zu einem realwirtschaftlichen Substanzverlust: Die Produktionskapazitäten nehmen ab. Das wird aber zunächst nicht sichtbar, weil der nominale Betrag von Vermögen und Eigenkapital durch die teurere Ersatzbeschaffung weiterhin gleichbleibt.

Gelingt es dennoch, zusätzliche Finanzierungsquellen zu erschließen, z.B. durch Kredite oder Gewinnthesaurierung, steigt das Produktivvermögen zwar nominal an, allerdings ist damit kein reales, sondern nur ein scheinbares Wachstum verbunden, da nur die während des Jahres verlorenen Produktionskapazitäten nun zu entsprechend höheren Beschaffungspreisen der Investitionsgüter wieder ersetzt werden.

Tageswertbezogene Abschreibungen: Selbstkostenkalkulation bei Inflation

In der internen Kalkulation begegnen Unternehmen diesem Finanzierungsproblem, indem sie für die Berechnung selbstkostenbasierter Preise tageswertbezogene Abschreibungen ansetzen. Dabei werden die Abschreibungen nicht auf Basis der ursprünglichen Anschaffungsausgaben für die eingesetzten Investitionsgüter berechnet, sondern auf Basis des aktuellen Anschaffungspreises unter Berücksichtigung der Inflation. Wurde beispielsweise eine technische Anlage mit zehnjähriger Nutzungsdauer ursprünglich zum Preis von 1 Mio. € beschafft und liegen die Anschaffungspreise einer vergleichbaren Anlage heute inflationsbedingt bei 1,1 Mio. €, so würden bei einer einfachen linearen tageswertbezogenen Abschreibung nicht 100.000 €, sondern eben 110.000 € als Gesamtkosten für den Kapitaleinsatz in der Herstellung verrechnet. Der Vorteil dieser Vorgehensweise: Die Preise aller Produktionsfaktoren steigen mit der Inflationsrate an, Kostensteigerungen werden am Markt angemessen weitergegeben, Ersatzbeschaffungen sind in vollem Umfang der realen Produktionskapazitäten aus dem Umsatz heraus finanzierbar und Substanzverlust wird vermieden.

Allerdings ist die Verwendung tageswertbezogener Abschreibungen nur kalkulatorisch, d.h. im von Unternehmen frei gestaltbaren internen Rechnungswesen, möglich. In der externen Finanzberichterstattung nach HGB ist diese Vorgehensweise nicht zulässig. In den internationalen Rechnungslegungsvorschriften (IFRS) ist dies nur unter den einschränkenden Bedingungen des in Deutschland zudem kaum gebräuchlichen Neubewertungsmodells (Revaluation Accounting) erlaubt. In den veröffentlichten Abschlüssen der Unternehmen finden sich im ausgewiesenen Gewinn in Höhe des Unterschieds zwischen tageswert- und anschaffungskostenbasierten Abschreibungen genau die Scheingewinne wieder, die entstehen, wenn Unternehmen mit dem Ziel der Substanzerhaltung ihre Produktionskapazitäten konstant halten. Mit anderen Worten: Steigen Gewinne stärker als Lohn-, Material- oder Fremdleistungskosten, ist dies insbesondere in anlageintensiven Branchen noch lange kein hinreichender Grund für die Annahme von Gewinn-Inflation.

Aus dieser Überlegung heraus ergeben sich eine Reihe weiterer wichtiger Konsequenzen.

• Erstens dürfen Gewinne in Zeiten der Inflation nicht automatisch die Begehrlichkeiten von Aktionären nach hohen Dividenden wecken. Zwar besteht gem. § 58 Abs. 4 AktG Anspruch auf den nominalen Bilanzgewinn. Wird dieser allerdings vollständig ausgeschüttet, fehlt Liquidität, um im vollen Umfang notwendige Ersatzinvestitionen zu tätigen. Bilanztheoretisch entspricht dies in einer ökonomischen Sichtweise sogar einer verdeckten Rückgewähr von Eigenkapital, da die darin abgebildete realwirtschaftliche Unternehmenssubstanz als Differenz von Gesamtvermögen und Schulden im Vergleich zum ursprünglich eingelegten Eigenkapital immer kleiner wird.

• Zweitens schädigt die Ausschüttung von Scheingewinnen auch die Gläubiger, denn das Schuldendeckungspotenzial des Unternehmensvermögens – ausgedrückt durch die Möglichkeit, Cashflows zu erwirtschaften – wird durch sinkende Produktionskapazitäten bei unzureichenden Ersatzinvestitionen immer geringer. Tritt ein solches Phänomen in der Breite auf, kann dies zur Schwächung ganzer Branchen oder sogar der Volkswirtschaft insgesamt führen.

• Drittens werden die angesprochenen Probleme noch verschärft durch den in vielen Unternehmen anstehenden ökologisch-sozialen Transformationsprozess. Denn Nachhaltigkeitsziele wie die Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen oder anderen Formen der Umweltverschmutzung, aber auch Anpassungen in Lieferkette und Produktportfolio machen es dringend notwendig, veraltete Investitionsgüter tatsächlich regelmäßig auszumustern und durch im Sinne eines modernen Nachhaltigkeitsverständnisses leistungsfähigere Anlagen zu ersetzen.

• Und viertens hebeln Scheingewinne schließlich die bestehenden Systeme der Vergütung im Topmanagement aus, wenn beispielsweise vom Aufsichtsrat vorgegebene Gewinnziele nur deshalb erreicht werden, weil von inflationsbedingt stark wachsenden Umsätzen Kapitalkosten nur in Höhe der anschaffungskostenbasierten Abschreibungen abgezogen werden.

Lösen lässt sich dieses Problem durch eine verbesserte Transparenz gegenüber Investoren, Kreditgebern und weiteren Stakeholdern, wie z.B. Kunden oder Mitarbeitern. Scheingewinne können im Rahmen der freiwilligen Publizität offengelegt werden. So kann z.B. der Teil des nominalen Gewinns, der für die Substanzerhaltung auch im Sinne nachhaltiger Transformation benötigt wird, als eigenständige Position innerhalb der Rücklagen (Substanzerhaltungsrücklage) im bilanziellen Eigenkapital ausgewiesen werden. Dieser Betrag steht dann nicht mehr für Gewinnausschüttungen zur Verfügung und schafft gleichzeitig das Potenzial zur Beschaffung der erforderlichen Ersatzinvestitionen. Seitens eines Aufsichtsrats muss dann allerdings nicht nur eine korrekte Ermittlung der realisierten Gewinne nach Abzug möglicher Scheingewinne überwacht werden, sondern auch, dass die erforderlichen Ersatzinvestitionen in Sach- und immaterielle Anlagen tatsächlich auch getätigt werden. Die zur Verfügung stehenden liquiden Mittel dürfen nicht für andere Maßnahmen, z.B. für Aktienrückkäufe, verwendet werden, was dann nämlich wieder einer Ausschüttung von Scheingewinnen gleichkommt.

Ähnliche Vorschläge sind in der Literatur zur inflationsorientierten Rechnungslegung im deutschsprachigen Raum bereits vor 1945 durch Betriebswirte wie Eugen Schmalenbach, Walter Mahlberg oder Fritz Schmidt formuliert und in den 1990er Jahren durch Ökonomen wie Dieter Ordelheide im Kontext der Währungsumrechnung im Konzernabschluss noch einmal verfeinert worden. Diese Überlegungen sind heute noch valide, sie waren in den letzten Jahrzehnten niedriger Inflation allerdings weitestgehend wieder in Vergessenheit geraten. Eine bessere Transparenz erleichtert weiterhin die Kommunikation mit dem Fiskus und anderen staatlichen Behörden, aber auch mit aktivistischen Stakeholdergruppen, z.B. um die Diskussion um ‚Gierflation‘ bzw. mögliche Übergewinne zu entschärfen. Ein flächendeckender und vom Abschlussprüfer im Sinne hinreichender Plausibilität auch testierter freiwilliger Ausweis einer Substanzerhaltungsrücklage könnte außerdem deutlich machen, wann Unternehmen in bestimmten Branchen tatsächlich profitabel arbeiten und wann ein Gewinnausweis in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine ökonomische Fata Morgana.

Weiterführende Literatur

Dullien, Sebastian/Herzog-Stein, Alexander/Stein, Ulrike (2023): Gewinninflation: Realität oder Fata Morgana? Die Rolle der Gewinnentwicklung für die aktuelle deutsche Inflation. IMK-Report Nr. 185. Edited by Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Hans-Böckler-Stiftung.

Mahlberg, Walter (1925): Der Tageswert in der Bilanz, Leipzig

Ordelheide, Dieter (1994): Gefährdung der Nominalkapitalerhaltung durch die Währungsumrechnung von Auslandsinvestitionen. In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 46 (10), S. 795–818.

Schmalenbach, Eugen (1925): Grundlagen dynamischer Bilanzlehre, Leipzig.

Schmidt, Fritz (1929): Organische Tageswertbilanz, 3Aufl., Leipzig

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